An der Schnittstelle zwischen Markt und Netz: Herausforderungen für die Energiewirtschaft

Konferenz am 29. September 2015 im Gustav-Stresemann-Institut, Bonn

Unter dem Titel „An der Schnittstelle zwischen Markt und Netz: Herausforderungen für die Energiewirtschaft" hat das Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) am 29. September 2015 im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn die jährlich stattfindende Konferenz netconomica ausgerichtet. Knapp 50 Teilnehmer aus Energiewirtschaft, Verbänden, Behörden und Wissenschaft diskutierten über die aus der Transformation des Energiesektors resultierenden Probleme und Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen dem regulierten Netzbereich und dem marktlichen Bereichen.

Frau Dr. Henseler-Unger, Geschäftsführerin des WIK, betonte in ihrer Begrüßungsrede, dass sich die Energiewirtschaft in Deutschland in einem bisher einmaligen Tempo verändert. Haupttreiber dieser Entwicklung seien einerseits die Liberalisierung des Sektors und insbesondere die Entflechtung der Stromunternehmen sowie andererseits die Energiewende, die mit stetig ansteigenden Anteil aus Strom aus erneuerbaren Energiequellen von der Energiewirtschaft immer mehr Flexibilität verlangt. Die Optimierung der Schnittstelle zwischen Markt, Netz und Regulierung wird zentral. Das Thema der Konferenz sei damit hochaktuell. Gerade weil jetzt entscheidende Weichenstellungen vorgenommen werden. Neben dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende sowie dem neuen Strommarktgesetz ist 2015 auch mit der Novelle der Anreizregulierung zu rechnen. 

Keynote: Die Energiewende und die Notwendigkeit zur Nutzung von Flexibilitäten 

Herr Franke, Vizepräsident der Bundesnetzagentur, zeigte in seinem Keynote-Vortrag auf, dass vor dem Hintergrund der Energiewende die Flexibilisierung des Stromsystems eine absolute Notwendigkeit darstellt. Er gab einen hervorragenden Überblick über den Instrumentenkasten der Flexibilisierung. Die Flexibilisierung solle dabei sowohl auf die Erzeugung als auch auf den Verbrauch abzielen, wobei die verschiedenen, dafür zur Verfügung stehenden Maßnahmen, klar dem einen oder anderen Bereich zugeordnet werden könnten. Dies gelte aber explizit nicht für Stromspeicher, da sie Einfluss auf beide Bereiche hätten. Speicher seien ferner nicht als Substitut zum Netzausbau zu sehen, sondern würden vielmehr eine komplementäre Rolle einnehmen. Demzufolge sollten sich Speicher und Netzausbau ergänzen und könnten sich nicht vollständig ersetzen. In seiner Rede ging Herr Franke auch auf die Verordnung über Vereinbarungen zu abschaltbaren Lasten ein und verwies auf den entsprechenden Erfahrungsbericht der Bundesnetzagentur, der dem Bundeswirtschaftsministerium nun vorliegt. 

Panel A: Neue Geschäftsmodelle zur Bereitstellung von Flexibilität in der Erzeugung 

Herr Aengenvoort, Leiter der Unternehmenskommunikation von NEXT Kraftwerke, hob in seinem Vortrag die Rolle von virtuellen Kraftwerken hervor, die er als Aggregatoren von Dezentralität bezeichnete. Zudem betonte er die Bedeutung von zukünftig möglichen variablen Stromtarifen. Diese könnten einen wichtigen Beitrag zu mehr Flexibilität im Gesamtsystem liefern, indem sie dem Endkunden Anreize setzten, seinen Verbrauch besser an die Erzeugungsbedingungen anzupassen.  

Herr Niederhagen, Leiter des Fachbereichs Origination beim Stadtwerkeverbund Trianel, zeigte die veränderten Verantwortlichkeiten aus der Sicht eines Stadtwerkes auf. Die Ausbreitung von digitalen Intermediären, wie er sie nannte, wie bspw. UBER, Facebook, Alibaba und airbnb, mache auch vor der Energiewirtschaft nicht Halt. Folglich sei auf dem Smart Market mit einer großen Anzahl an möglichen und unterschiedlichen Akteuren zu rechnen. Da für einzelne Unternehmen die großen Herausforderungen schwerlich alleine zu lösen seien, könnten Kooperationen zukünftig gerade auch bei Stadtwerken eine immer bedeutendere Rolle spielen. 

Herr Dr. Thomann, Innovationsmanager im Bereich Customer Experience und Innovation der MVV Energie, stellte das von ihm geleitete Projekt Strombank vor. An diesem Projekt teilnehmende Endkunden werden miteinander regional vernetzt und können somit ihren selbst erzeugten Strom über die Strombank handeln und zwischenspeichern, um letztendlich Gewinne erzielen zu können. Er führte weiter aus, dass intelligent vernetzte Batteriespeicher in der Zukunft eine wichtige Rolle einnehmen könnten. Ein Hindernis für Stromspeicher stellten gegenwärtig aber unter anderem noch die rechtlichen Rahmenbedingungen dar, da Speicher bspw. derzeit noch einer doppelten Besteuerung unterlägen.  

Panel B: Das Zusammenspiel zwischen Netz, Vertrieb und Verbraucher 

Herr Flosbach, Technischer Geschäftsführer von DEW 21, thematisierte neue Produkte und Konzepte für Privatkunden. Er unterstrich, dass die Energieunternehmen die Bedürfnisse ihrer Kunden und deren Befriedigung stärker in den Mittelpunkt ihres Handels stellen müssten, als dies bisher der Fall war. Ziel müsse es sein, Begeisterung unter den Kunden zu wecken, um Neuprodukte erfolgreich vermarkten zu können. 

Herr Schönrock aus der Abteilung Netzentwicklung Strom & Telekommunikation der EWE Netz legte den Schwerpunkt seines Vortrages auf die Rolle des Netzbetreibers im Smart Market. Das in den Diskussionen um die Transformation des Energiesystems bekannte Ampelkonzept könne dabei helfen, regionale Flexibilitäten zu heben, wobei dafür noch bestimmte gesetzliche und regulatorische Rahmenbedingungen anzupassen seien.  

Herr Hauck, Leiter der Energiewirtschaft von Trimet Aluminium und Mitglied des Wirtschaftsbeirates Energie des WIK, fokussierte in seinem Vortrag auf die Nachfrageflexibilität aus der Perspektive eines industriellen Großverbrauchers. Energieintensive Unternehmen seien in der Lage, verschiedene Flexibilitätsbeiträge zur Sicherung der Netzstabilität und zur Integration fluktuierender Energiequellen zu liefern. Beispiele dafür seien die Lieferung von Regelenergie, die sofortige Zu- bzw. Abschaltung großer Lasten, die Rolle als virtueller Speicher zum Ausgleich unterschiedlicher Erzeugungs- und Verbrauchsprofile und die Unterstützung eines schnellen Netzaufbaus nach einem Blackout.  

Panel C: Hindernisse und Herausforderungen für einen funktionierenden Smart Market 

Herr Gruber, Senior Manager Metering & EDM-Service bei EnBW, stellte die wesentlichen Herausforderungen für einen funktionierenden Smart Market aus der Sicht der Energiewirtschaft dar. Er konstatierte, dass wesentliche Anpassungen im ordnungspolitischen Rahmen vorgenommen werden müssten. Im Detail seien dies insbesondere die Einführung des Bilanzierungsverfahrens der Zählerstandsgangbilanzierung, die zügige Ausgestaltung und Vorlage des § 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) mit Quotenmodell sowie die zügige Umsetzung des Digitalisierungsgesetzes zur Energiewende mit Rollout der intelligenten Messsysteme. 

Herr Berger, Senior Business Development Manager im Konzerngeschäftsfeld Energie von T-Systems, beleuchtete die Herausforderungen für den Smart Market aus der Perspektive der IKT-Wirtschaft. Deren Beitrag zur Lösung der anstehenden Probleme, die sich aus dem Transformationsprozess der Energiewirtschaft ergeben, könne insbesondere in der Vernetzung der vielen dezentralen Akteure liegen. Die IKT-Branche verfüge in diesem Kontext über langjährige Erfahrungen, gerade auch hinsichtlich der Gewährleistung von Datensicherheit.  

Panel D: Energiewende und veränderte Rahmenbedingungen 

Herr Schnurre, Referent Markt und Regulierung beim Bundesverband Neue Energiewirtschaft, skizzierte die wesentlichen Merkmale des vom Verband entwickelten Flexmarktmodells. Ein Kernpunkt des Konzepts stellt die Etablierung von 25 Netzclustern bzw. Regelverbünden dar, mit deren Hilfe entsprechende regionale Marktplätze geschaffen werden sollen. Auf diesen soll Flexibilität als Produkt gehandelt werden. 

Herr Ahlers, Abteilungsleiter im Geschäftsbereich Energienetze, Regulierung und Mobilität beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, ging der Frage nach, ob überhaupt ein neuer separater Markt für Flexibilität geschaffen werden sollte oder ob nicht die bestehenden Instrumente ausreichen. Er führte aus, dass Anpassungen der gegenwärtigen Rahmenbedingungen in jedem Fall vonnöten sein, wobei aus Sicht des Verbandes insbesondere eine grundlegende Reform des EEG sowie die Einführung eines dezentralen Leistungsmarktes vorrangig sind. Flankierende Maßnahmen sollten diesen Prozess begleiten. 

Frau Dr. Liebe, Abteilungsleiterin Energiemärkte und Energieregulierung des WIK, diskutierte die aus dem Transformationsprozess resultierenden neu entstandenen Rollenbilder in der Energiewirtschaft. Sie differenzierte dabei zwischen dem Umfeld des regulierten Netzbetreibers einerseits und dem wettbewerblichen Umfeld andererseits. Aus ihrer Sicht bedarf es in beiden Fällen eines raschen Handelns, um die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Während im reguliertem Netzbereich der Fokus darauf gerichtet sein sollte, bestehende Nachteile für Smart Grid Investitionen zu beseitigen, sollten im marktlichen Bereich verstärkt die mit der Digitalisierung verbundenen Herausforderungen in Angriff genommen werden. 

Die Präsentationen der Konferenz stehen für die interessierte Öffentlichkeit ab Januar 2016 zum Download zur Verfügung.

 

 

 

 

 

Iris Nichols
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Dr. Stephan Schmitt
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Veranstaltungsort
Gustav Stresemann Institut e.V.
Langer Grabenweg 68
53175 Bonn
www.gsi-bonn.de