Meldung

05.12.1997

Nr. 179: Chancen und Risiken netzunabhängiger Service Provider

Daniel Tewes

Chancen und Risiken netzunabhängiger Service Provider
Nr. 179 / Dezember 1997

Zusammenfassung

Das Konzept einer Vermarktung von Telekommunikationsdienstleistungen über netzunabhängige Diensteanbieter oder Service Provider, die als Telefongesellschaften ohne eigene Netzinfrastruktur bei den Netzbetreibern Telefoneinheiten zu einem Vorzugspreis einkaufen und sie auf eigene Rechnung und unter eigener Marke weiterveräußern, fand in Europa erstmals bei der Lizenzierung der analogen Mobilfunknetzbetreiber in Großbritannien Anwendung. Als zweites Land folgte Deutschland 1991 anläßlich der Lizenzierung der GSM-Netzbetreiber. In beiden Ländern mußten die netzunabhängigen Service Provider jedoch nach anfänglichen Erfolgen deutliche Marktanteilsverluste hinnehmen.

Zur Abschätzung der Chancen und Risiken netzunabhängiger Service Provider arbeitet der Diskussionsbeitrag die diesen Unternehmen zur Verfügung stehenden Wettbewerbsparameter heraus und schätzt deren Erfolgsaussichten ab. Hierbei werden zwei unterschiedliche Verhaltensweisen der Endverbraucher hinsichtlich ihrer Entscheidungsfindung angenommen. Bei einem Entscheidungsverhalten, das den aus der Volkswirtschaftslehre bekannten Annahmen der neoklassischen Theorie entspricht, sind die Produktqualität und effiziente Kostenstrukturen im Rechnungsstellungs- und Vertriebsbereich maßgeblich. In den Fällen hingegen, in denen der Kunde keinen vollständigen Überblick sowohl über die Angebotsmerkmale als auch über seine eigene Dienstenachfrage besitzt, wird vor allem die Markenstärke des Anbieters und die seiner Vertriebspartner erfolgsrelevant.

Die Analyse erfolgt vor dem Hintergrund zweier unterschiedlicher technischer Paradigmata, dem geschlossenen und dem offenen Netzkonzept. Beim geschlossenen Netzkonzept, das insbesondere im Hinblick auf den derzeit in den Mobilfunknetzen gültigen Sachstand relevant ist, werden die Marktchancen der netzunabhängigen Service Provider als nur gering eingeschätzt. Die Ursache hierfür liegt darin begründet, daß sie wegen des fehlenden Zugriffs auf die Netzintelligenz in der eigenständigen Entwicklung und Einführung innovativer Dienstleistungen stark restringiert sind.

Diese Einschränkungen werden voraussichtlich bei der Anwendung offener Netzkonzepte überwunden. Deren vollständige Umsetzung ist zwar heute noch technische Vision, wird innerhalb der Industrie aber bereits intensiv diskutiert. Hier ist zu erwarten, daß Service Provider stark an Bedeutung gewinnen werden. Insgesamt wird sich in den absehbaren zukünftigen Netzstrukturen eine ausgeprägtere Arbeitsteilung zwischen Netzbetreibern, Service Providern und ggf. auch anderen Unternehmensformen ausbilden als dies in der Telekommunikation bislang üblich war.