Meldung

10.11.1993

Nr. 118: Ökonomie des ONP-Konzeptes

Marcus Weinkopf

Ökonomie des ONP-Konzeptes
Nr. 118 / November 1993

Zusammenfassung

Open Network Provision - ONP stellt eine der grundlegenden und weitreichendsten Initiativen der EG für die Gestaltung von Angebotsstrukturen, Nutzungsmöglichkeiten und nationalen Regulierungsoptionen im europäischen Telekommunikationsbereich dar. ONP setzt an drei Parametern des Angebots ausgewählter Telekommunikationsdienste an, die sowohl für private Anbieter als auch für Endnutzer von zentraler Bedeutung sind: Es sind dies die technischen Schnittstellen, die Nutzungsbedingungen sowie die Tarifierungsgrundsätze. Die Definition grundlegender Prinzipien für die Ausgestaltung dieser Parameter auf nationaler Ebene soll die Entwicklung neuer Anwendungen und Dienste fördern und faire Wettbewerbsbedingungen zwischen öffentlichen und privaten Anbietern gewährleisten. Darüber hinaus betrachtet die Kommission die europaweite Harmonisierung bestimmter grundlegender Dienste als Voraussetzung für das Entstehen einer transeuropäischen Telekommunikations-Infrastruktur.

Der erste Teil des vorliegenden Papiers stellt die industrie-, infrastruktur- und wettbewerbspolitischen Wurzeln des ONP-Konzepts und dessen Entwicklungschritte im Zeitablauf dar. Der zweite Teil konzentriert sich auf eine kritische Untersuchung der dem Konzept zugrundeliegenden telekommunikationspolitischen Ansätze und deren ökonomische Auswirkungen auf die Akteure in den europäischen Telekommunikationsmärkten.

Der (potentielle) Anwendungsbereich von ONP ist nicht etwa auf die heutigen Monopol- bzw. reservierten Dienste in den einzelnen Mitgliedstaaten beschränkt, sondern orientiert sich am von der EG identifizierten Regelungsbedarf in den einzelnen Marktsegmenten. Festzustellen ist, daß die aktuelle Ausgestaltung von ONP zumindest für die Bundesrepublik keine wesentlichen Regulierungsbedarfe in bislang unregulierten Wettbewerbsmärkten erzwingt. Die offene Ausgestaltungsmöglichkeit des ONP-Konzepts birgt jedoch neben den Vorteilen einer flexiblen Reaktionsmöglichkeit auf neue Infrastrukturerfordernisse auch Risiken einer Überregulierung bzw. Überstandardisierung von Marktsegmenten, in denen sich ein nachfragegerechtes Angebot und wirksamer Wettbewerb auch ohne Regulierungseingriffe einstellen würden. Bei der Weiterentwicklung von ONP und einer möglichen Ausdehnung des Konzepts auf weitere Dienstebereiche könnte deshalb ein generelles Problem staatlicher Markteingriffe an Relevanz gewinnen: Die Verfügbarkeit staatlicher Eingriffsrechte und -instrumente birgt stets das Risiko zum vorschnellen Zugriff auf Bereiche, in denen einem bestimmten Dienst meritorische Eigenschaften zugemessen werden, ohne daß die Eingriffsnotwendigkeit vor dem Hintergrund der tatsächlichen Marktverhältnisse hinterfragt würde. Sowohl die Definition neuer ONP-Anwendungsbereiche als auch die Interpretation der sich aus den schon beschlossenen ONP-Dokumenten ergebenden Regulierungsbedarfe sollte deshalb in jedem Einzelfall einer sorgfältigen Analyse unterzogen werden.