Diskussionsbeiträge

Nr. 403: Entwicklungen im internationalen Mobile Roaming unter besonderer Berücksichtigung struktureller Lösungen

Autoren: J. Scott Marcus, Christin Gries, Christian Wernick, Imme Philbeck
Januar 2016

Zusammenfassung

In Europa wurden seit 2007 in diversen Roaming-Verordnungen Preisobergrenzen für Roaming-Dienste und ergänzende Maßnahmen, z.B. zur Transparenzsteigerung, festgelegt. Dadurch konnten die Roaming-Preise zwar bis heute um mehr als 80% gesenkt werden, eine Wettbewerbsdynamik hat sich jedoch nicht entwickelt.  

Dies ist vor allem der Komplexität von Roaming und den vielfältigen Ursachen für hohe Roaming-Preise geschuldet, u.a. der „Double Marginalization" zwischen Visited Network- und Home Network-Betreiber sowie einer geringen Nachfrageelastizität für Roaming-Sprachdienste.  

Im Rahmen der Roaming-Verordnung von 2012 wurden sogenannte „strukturelle Lösungen" eingeführt, die den separaten Verkauf regulierter Roaming-Dienste auf Endkundenebene ermöglichen sollten. Dieses Konzept adressierte erstmalig die Ursachen der hohen Roaming-Preise, mit dem Ziel, eine Intensivierung des Wettbewerbs zu erreichen. Technisch sollten die strukturellen Lösungen gemäß den Richtlinien von BEREC durch alternative Roaming Provider (ARP) auf Basis der „Single IMSI" Technologie sowie bei Datenverkehr durch das „Local Break-Out" (LBO) Verfahren umgesetzt werden.  

Völlig überraschend legte die Europäische Kommission jedoch im Rahmen des „Connected Continent"-Pakets im September 2013 einen Vorschlag zur „Telecoms Single Market (TSM) Regulation" vor, der die Abschaffung der Roaming-Zuschläge ankündigte und für erhebliche Unsicherheit unter den Marktteilnehmern sorgte. Im Oktober 2015 wurde schließlich die Abschaffung der Roaming-Zuschläge bis Juni 2017 auf Europäischer Ebene verabschiedet. 

Durch den Vorstoß der Europäischen Kommission, der noch während der Geltungsdauer der bestehenden Roaming-Verordnung erfolgte, wurde dem Konzept der strukturellen Lösungen die Grundlage für ein profitables Geschäftsmodell entzogen. Die angestrebte Intensivierung des Roaming-Wettbewerbs blieb aus und ist auch zukünftig nicht zu erwarten. Lediglich LBO Lösungen könnten perspektivisch eine gewisse Marktrelevanz erreichen. 

Insgesamt sind somit überwiegend negative Effekte zu konstatieren. Die Mobilfunkbetreiber mussten aufgrund der gesetzlichen Vorgaben beträchtliche Investitionen für die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten für potenzielle ARP tätigen, die jedoch niemals genutzt wurden. Auch andere Marktteilnehmer (z.B. Anbieter von Software-Lösungen) investierten in ein Geschäftsmodell, dem vor seiner Realisierung die Grundlage entzogen wurde. Zusammenfassend muss daher festgehalten werden, dass die strukturellen Lösungen in Kombination mit dem im Vorschlag zur „Single Market Regulation" ausgedrückten Kurswechsel der Europäischen Kommission zu erheblichen sunk costs in der Mobilfunkbranche geführt haben, ohne dass diesen entsprechende Wohlfahrtsgewinne entgegenstehen.

Der Diskussionsbeitrag steht zum Download zur Verfügung.