Diskussionsbeiträge

Ingo Vogelsang* unter Mitarbeit von Ralph-Georg Wöhrl

Ermittlung der Zusammenschaltungsentgelte auf Basis der in Anspruch genommenen Netzkapazität
Nr. 226 / August 2001

* Boston University

Zusammenfassung

Kapazitätsbasierte Zusammenschaltungsentgelte sind international in Zusammenhang mit Flat Rates für Endnutzer aktuell in der Diskussion. Sie sind aber von potenziell allgemeiner Bedeutung, damit neue Wettbewerber in die Lage versetzt werden Endnutzerentgelte anbieten zu können, die sich stärker an den Netzkosten ausrichten. Großbritannien ist bislang der Vorreiter. Dort gibt es seit Juni 2000 den kapazitätsbasierten "FRIACO" Tarif. Dieser Tarif zeigt, wie man ganz fokussiert auf einen bestimmten Zweck, nämlich die Ermöglichung von Endnutzer Flat Rates, kapazitätsbasierte Entgelte relativ schnell und unkompliziert einführen kann.

Ein System kapazitätsbasierter Entgelte (CBC = Capacity Based Charging) bezieht sich auf Zusammenschaltungsleistungen, für die die maximale Kapazitätsinanspruchnahme im Voraus gebucht und durch monatliche und Einmalzahlungen abgerechnet wird, so dass für die Nutzung innerhalb dieser Kapazitätsgrenzen keine weiteren Entgelte anfallen. Wir zeigen, dass solche Entgelte im Allgemeinen eher dem Effizienzkriterium entsprechen als minutenbasierte Entgelte, dass aber CBC auch mit einer Reihe anderer institutioneller Ansätze verwandt ist, die ähnliche Eigenschaften besitzen. Dazu gehören insbesondere Peak-Load Pricing, eine Kombination von Spotpreisen und Terminmärkten, Mietleitungen, Maximum Demand Charges, unterbrechbare Verträge und Bill-and-Keep. Was CBC auszeichnet ist die quantitative Anpassung der Entgelte an die Netzkosten und die Möglichkeit zur Risikoverteilung zwischen dem dominierenden Netzbetreiber und den anderen Wettbewerbern.

CBC setzt voraus, dass neben der Bestimmung von Kapazitätskosten und entsprechenden Entgelten die anderen Wettbewerber dem dominierenden Netzbetreiber die gewünschten Netzkapazitäten mitteilen. Es müssen auch Mechanismen gefunden werden, die sicherstellen, dass die gebuchten Kapazitätsgrenzen eingehalten werden. All dies erfordert einen intensiven Informationsaustausch, da die Wettbewerber den dominierenden Netzbetreiber über ihre Ausbaupläne und Nutzungsprofile unterrichten müssen und umgekehrt. Der Informationsaustausch und die übrigen Transaktionskosten sind geringer, wenn bereits elementbasierte Zusammenschaltungsentgelte realisiert werden; aber selbst dann könnte CBC die Zielallokation verändern und damit zu neuen Plänen führen. Die Einführung von CBC ist auch sicher einfacher, wenn solch ein System erst einmal punktuell für bestimmte Probleme oder als Option zum bestehenden Entgeltsystem eingeführt wird.

Die Studie geht davon aus, dass langfristige inkrementelle Kosten die Grundlage für CBC bilden sollten. Daneben fragt sich, inwieweit Flexibilität wünschenswert ist, in die Entgelte auch kurzfristige Kapazitätsauslastungsgesichtspunkte und langfristige Kapazitätsanpassungspfade einfließen zu lassen. Dies könnte nach Ansicht des Verfassers zum Beispiel im Rahmen von Price Caps für Zusammenschaltungsentgelte oder durch die Eröffnung von Wiederverkaufsmöglichkeiten in kurzfristigen Kapazitätsmärkten geschehen. Der Regulierer muss also vor Einführung von CBC aktiv werden. Dabei kann sich seine Rolle auf die Bereitstellung eines institutionellen Rahmens, auf Verhandlungshilfe oder auf Hilfe beim Informationsaustausch (Clearingstelle) beschränken, aber auch in mehr traditionelle Regulierung einmünden.