Diskussionsbeiträge

Sonja Schölermann

Vertikale Integration bei Postnetzbetreibern – Geschäftsstrategien und Wettbewerbsrisiken
Nr. 271 / Dezember 2005

Zusammenfassung

Die Deutsche Post AG hat ihre Aktivitäten auf vertikaler Ebene in den letzten Jahren stark ausgeweitet. Für die Bedürfnisse von Geschäftskunden deckt die DPAG den gesamten Prozess von der Sendungserstellung bis hin zur Bearbeitung der Rückläufe aus einer Hand ab. Im Privatkundensegment ist die DPAG aufgrund der geringen Nachfrage von Privaten nach vor- und nachgelagerten Leistungen gar nicht tätig. In der Studie wurden alle vor- und nachgelagerten Aktivitäten betrachtet und unter dem Begriff der vertikalen Integration subsumiert. Die Ausweitung der Geschäftsfelder in vertikaler Richtung ist bei einem marktbeherrschenden Unternehmen wie der DPAG ein Anlass, die Auswirkungen dieser Strategie auf den Wettbewerb zu untersuchen.

Dazu wurden zunächst die Wettbewerbswirkungen aus theoretischer Sicht diskutiert und die Argumente der beiden bedeutendsten wettbewerbs-theoretischen Ansätze bezüglich vertikaler Integration gegenübergestellt. Als positiver Faktor konnte eine potenzielle Steigerung der Effizienz, als Risikofaktor die Übertragung von Marktmacht sowie Marktschließung identifiziert werden. Die Anwendung dieser Argumente auf die vertikalen Strukturen der DPAG zeigte, dass Effizienzsteigerungen für die DPAG, die sich aus Produktions- und Transaktionskostensenkungen zusammensetzen, nur in einigen wenigen Bereichen realisiert werden können. Eine Senkung der Transaktionskosten ist eher als unwahrscheinlich einzuschätzen, da der Ersatz von Marktbeziehungen durch unternehmensinternen Koordinationsmechanismen nur dann zu geringen Transaktionskosten führt, wenn die zugrunde liegende Leistungsbeziehung durch hohe Spezifität und Unsicherheit gekennzeichnet ist. Gerade die hier betrachteten Leistungen sind jedoch eher unspezifischer Art. Trotzdem ist die Integration vor- und nachgelagerter Leistungsbereiche aus Gründen der Kundenbindung und Sendungsmengensicherung für die DPAG sinnvoll.

Neben Effizienzwirkungen entstehen bei den vertikalen Aktivitäten der DPAG umfangreiche Risiken, insbesondere in den vorgelagerten Bereichen. Zwar beschränkt die sektorspezifische Regulierung die Möglichkeiten der Marktmachtübertragung, kann sie aber nicht vollständig verhindern. Strategien zur Marktmachtübertragung umfassen drei Bereiche: Zugang zu Infrastruktureinrichtungen, Preisdiskriminierung und nicht-preisliche Diskriminierung. Beim Zugang zu Einrichtungen der DPAG wird Marktschließung durch die sektorspezifische Regulierung verhindert; eine Behinderung beim Zugang kann aber mit Hilfe preislicher und nicht-preislicher Maßnahmen stattfinden. Preisdiskriminierung stellt in Form von Preisdiskriminierung dritten Grades, Predatory Pricing und Bundling eine Gefahr der Marktmachtübertragung dar und ist aufgrund der Schwierigkeiten der Kostenzurechnung nur schwer nachzuweisen. Nicht-preisliche Diskriminierung ist insbesondere beim Teilleistungszugang ein Problem für vorgelagerte Wettbewerber der DPAG. Als Fazit wurden für die Postsektorregulierung stärkere Transparenzpflichten des marktbeherrschenden Unternehmens und eine Ausweitung der Kompetenzen der Regulierungsbehörde auf vor- und nachgelagerte Leistungsbereiche gefordert.