Diskussionsbeiträge

Peter Stamm, Franz Büllingen

Das Internet als Treiber konvergenter Entwicklungen - Relevanz und Perspektiven für die strategische Positionierung der TIME-Player
Nr. 198 / Dezember 1999

Zusammenfassung

Seit einigen Jahren sind in den TIME-Branchen unterschiedliche und z.T. auch widersprüchliche Konvergenzphänomene zu beobachten. Es wachsen nicht nur Branchen und Unternehmen, Massen- und Individualkommunikation, Übertragungs- und Mehrwertdienste zusammen, sondern es differenzieren sich auch neue Unternehmensformen, neue Ressourcenkombinationen und neue Dienstleistungen heraus. Angesichts dieser Entwicklung sind zwei Fragen besonders wichtig: Welches sind die treibenden Kräfte der Unternehmensfusionen, Unternehmenskooperationen und Geschäftsfeldausweitungen und wie stabil sind diese Prozesse? Und zweitens, wie Unternehmen sich strategisch neu positionieren und ihre Stellung in den Märkten festigen.

Konvergenzphänomene sind fast deckungsgleich mit der Entwicklung des Internet, das sich als treibende Kraft für Konvergenz erweist. Es bildet die künftige Plattform für nahezu alle Kommunikationsdienste. Die Analyse der Konvergenzkräfte, kann daher auf die Internet-Wertschöpfungskette fokussiert werden. Als Untersuchungsmethode zur Identifizierung von nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen wird der Ressourcenansatz verwendet. Es zeigt sich, daß die Spieler der unterschiedlichen Sektoren mit verschiedenen Ressourcenkombinationen bezüglich Inhalte, Verpackung / Navigation, Übertragung, Schnittstellensoftware sowie Endgeräteherstellung experimentieren, um ihre Position innerhalb der Wertschöpfungskette zu optimieren. Der Wert dieser Ressourcen bestimmt sich aus ihrer relativen Knappheit.

Es lassen sich vertikale Integrationskräfte identifizieren, die stärker sind als der Megatrend hin zur horizontalen Integration. Sie gruppieren sich vor allem um die Wertschöpfungsstufen 'Verpackung/Navigation' und 'Inhalteproduktion'. Zugleich besitzen die Spieler in diesen beiden Bereichen die wertvollsten Ressourcen. Diese werden zur Produktion jener Waren und Dienstleistungen benötigt, nach denen in der Internet-Ökonomie eine stark wachsende Nachfrage besteht, die aber gleichzeitig nur schwer zu imitieren oder zu substituieren sind. Dies sind zum einen der Zugang zum Kunden und zum anderen hochwertige Inhalte. Anbieter von Inhalten und von Verpackung /Navigation haben somit den größten Einfluß auf weitere Konvergenzprozesse.

Auf der Ebene der Verbindungsnetze ("Übertragung") existiert kein Engpaß. Zwar bestehen im Bereich der Anschlußnetze derzeit noch Knappheiten. Diese verlieren jedoch durch Wettbewerb und neue Technologien (Wireless Local Loop, Kabelnetze, Powerline) immer mehr ihre Bedeutung. Die Spieler in diesem Bereich verfügen daher über eine Ressource, die sich immer mehr zum handelbaren Gut ("commodity") entwickelt.

Hardware und Endgeräte-Hersteller unterliegen keinen konvergenzspezifischen, vertikalen Integrationskräften. Sie positionieren sich verstärkt horizontal, wie es dem allgemeinen Trend entspricht. Hinsichtlich der Stabilität von Konvergenzphänomenen zeigt sich, daß es im grundlegenden wirtschaftlichen Interesse der Spieler liegt, ihre Unternehmensstrategien konsequent auf das Internet auszurichten. Insofern ist auch weiterhin mit einer hohen Dynamik der Konvergenz zu rechnen.