Diskussionsbeiträge

Nr.: 475: Digitale Arbeitswelten im Mittelstand

Autoren: Christin-Isabel Gries, Martin Lundborg, Peter Stamm

Zusammenfassung

Für kleine und mittlere Unternehmen besteht ein anhaltender Veränderungsdruck hin zu agilen und flexiblen Arbeitsweisen, um die Kundenbedarfe schneller zu decken. Verstärkt wird dieser Druck durch den Fachkräftemangel, denn qualifiziertes Personal erwartet moderne Arbeitsbedingungen. Um digitale Arbeitsprozesse erfolgreich zu implementieren sind Veränderungsbereitschaft in der Führungsebene einschließlich neuer Führungsrollen ebenso grundlegend, wie kontinuierliche Qualifizierungen der Belegschaft.

Diese vielschichtigen Aspekte werden zunehmend in Wissenschaft und Wirtschaft mit den Schlagworten Arbeit(en) 4.0, Digitale Arbeit sowie digitale Arbeitswelten diskutiert, wobei bei den meisten Veröffentlichungen große Unternehmen im Mittelpunkt stehen. Der vorliegende Diskussionsbeitrag ist Teil eines Forschungsprojekts, das einen Überblick über die Diskussion digitaler Arbeitswelten in der Fachöffentlichkeit mit Schwerpunkt auf kleine und mittlere Unternehmen (KMU) geben möchte.

Kleine und mittlere Unternehmen unterscheiden sich insbesondere dadurch, dass sie in der Regel über kein dediziertes Fachpersonal zu Digitalisierung, Change Management und innovativen Arbeitsmethoden im eigenen Haus verfügen. Je kleiner das Unternehmen, desto seltener hat es eine Personalabteilung, die eine systematische Qualifizierung und Entwicklung ihrer Mitarbeitenden vorantreiben kann. Auch die vielfach knappen personellen Ressourcen bei KMU erschweren die Teilnahme an Weiterbildungsmaßnahmen. Gleichwohl ist das Feld der kleinen und mittleren Unternehmen äußerst heterogen und das Spektrum erstreckt sich von Digitalisierungsvorreitern aus der IT-Branche bis hin zu Nachzüglern in Branchen wie Bau, Handel und Gastgewerbe.

Anhand von Literaturrecherche und einen Fachdialog mit Expert:innen aus dem Forschungsumfeld zur neuen digitalen Arbeitswelt und dem Wissenstransfer in den Mittelstand wurden folgende zentralen Erkenntnisse gewonnen:

  • Der Wandel der kleinen und mittleren Unternehmen hin zu einer digitalen Arbeitswelt stellt in erster Linie einem Kulturwandel dar. Dieser Wandel setzt bei den Führungskräften an, muss aber gleichzeitig die Mitarbeitenden in den Fokus als selbständige und verantwortungsbewusste Akteure stellen. Durch flachere Hierarchien und kleinere Organisationen findet der Wandel maßgeblich bei der Interaktion der verschiedenen Akteure im Unternehmen statt.
  • Die kleinen und mittleren Unternehmen haben erheblichen Bedarf an Weiter-bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Dieser bezieht sich v. a. auf:
    • die Konzepte von zukünftigen Arbeitswelten, inklusive agiler Arbeitsmethoden und digitaler Prozesse,
    • das Nutzen von relevanten Softwareapplikationen sowie
    • den Einsatz von Wissensmanagement-Tools.
  • Als zentraler Bestandteil der zukünftigen Arbeitswelten bedarf es auch im Mittelstand ausgereifter Konzepte für das Wissensmanagement.
  • Die Digitalisierung der Organisationen im Mittelstand setzt den Einsatz von Soft- und Hardware sowie eine ausreichende Breitbandanbindung voraus, worin aber kein wesentliches Hemmnis gesehen wird.
  • Im Unterschied zu Großunternehmen ist der Bedarf an Strukturanpassungen bei kleinen und mittleren Unternehmen und Organisationsveränderungen deutlich weniger ausgeprägt, da diese bereits relativ flache Hierarchien und wegen ihrer Unternehmensgröße kürzere und informellere Entscheidungsprozesse haben.

Kleinen und mittleren Unternehmen kann geraten werden, sich mit diesen Themen aktiv zu beschäftigen, Change Management-Projekte zum kulturellen Wandel anzustoßen und die Mitarbeitenden zu qualifizieren.
Weiterer Forschungsbedarf besteht hinsichtlich der Produktivitätseffekte durch den Wandel zu digitalen Arbeitswelten. Bezüglich des verteilten Arbeitens (Homeoffice, hybrides Arbeiten oder Präsenzarbeit) sind noch viele Fragen rund um die erforderlichen Rahmenbedingungen, der Organisation und den Vorgaben des Managements sowie den Auswirkung auf Produktivität je nach Tätigkeit des Mitarbeitendes offen. Da Qualifizierungsmaßnahmen einen Schlüsselbaustein der digitalen Transformation von Organisationen darstellen, ergibt sich für die Wissenschaft auch die Frage, wie diese für kleine und mittlere Unternehmen optimal auszugestalten sind.